Alles, was du über Wassily Kandinsky und seine Kunstwerke wissen musst

Wassily Kandinsky Kunstwerk
Wassily Kandinsky Kunstwerk

Wassily Kanndinsky – Der Mann, der Farbe hören konnte

Moskau, 1895. Wassily Kandinsky besucht eine Ausstellung französischer Kunst und steht vor einem Gemälde aus Claude Monets Serie der Getreideschober. Er erkennt das Motiv kaum.

Was ihn festhält, ist die pure Wirkung der Farbe, unabhängig vom Sujet. Kandinsky beschreibt diesen Moment später als einen seiner entscheidenden Wendepunkte. Kurz darauf gibt er seine juristische Karriere auf.

Inhalt

Alles begann mit Tee und Jura

Wassily Kandinsky wird am 4. Dezember 1866 in Moskau geboren, als Sohn eines wohlhabenden Teehändlers aus Ostsibirien und einer Moskauerin. Die Familie zieht früh nach Odessa; die Eltern trennen sich 1871.

Kandinsky wächst bei seiner Mutter und seiner Tante Jelisaweta auf, die sein Interesse für Musik früh weckt. Er lernt Klavier und Cello, nimmt Zeichen- und Malunterricht, wie es in einer Bildungsbürger-Familie dieser Zeit üblich war.

Wassily Kandinsky

Nach dem Abitur in Odessa beginnt er 1886 in Moskau Rechtswissenschaften, Nationalökonomie und Ethnologie an der Lomonossow-Universität. 1889 reist er im Auftrag der Kaiserlichen Gesellschaft für Naturwissenschaften ins Gouvernement Wologda, um bäuerliche Rechtsverhältnisse zu untersuchen.

Die Volkskunst, die leuchtend bemalten Häuser, die farbige Ikonenmalerei prägen ihn dort tiefer als jedes Vorlesungsmanuskript. Er schreibt in sein Tagebuch:

In diesen wunderbaren Häusern habe ich etwas erlebt, was ich noch nie erlebt habe. Sie haben mir beigebracht, das Gemälde zu betreten, darin zu leben.

1892 legt er das Staatsexamen ab, promoviert, wird Assistent der Juristischen Fakultät und heiratet seine Cousine Anna Tschemjakina. Eine Berufung als Professor nach Dorpat (heute Tartu, Estland) lehnt er 1896 ab. Mit dreißig Jahren gibt er eine gesicherte akademische Laufbahn auf und zieht gemeinsam mit Anna nach München, um Malerei zu studieren.

Farbenfrohes Holzhaus im traditionellen russischen Stil

Solche farbenprächtigen Holzhäuser (Isbas), der traditionellen Baukunst, inspirierten Kandinsky tief.

Schüler, Avantgardist und Liebhaber – Kandinskys Leben in München

In München studiert Kandinsky zunächst an der privaten Malschule von Anton Ažbe. Ab 1900 lernt er an der Kunstakademie bei Franz von Stuck, dem damals bekanntesten deutschen Maler. Stuck hält ihn für begabt, aber zu farbverliebt. Kandinsky hält ihn für lehrreich, aber zu konservativ. 

Kandinsky Phalanx Originalplakat

Die erste Münchner Dekade ist produktiv und turbulent. Kandinsky gründet 1901 die Ausstellungsgemeinschaft Phalanx, versucht eine neue, zeitgenössische Kunst gegen das Münchner Establishment zu setzen. Es scheitert zwar kommerziell, knüpft aber an Netzwerke an.

Kandinsky reist nach Paris, nach Tunesien, durch Nordeuropa. Seine frühen Werke bewegen sich zwischen Jugendstil, russischer Märchenästhetik und dem beginnenden Expressionismus – dekorativ, farbenfroh, noch gegenständlich. Und dann ist da Gabriele Münter.

Gabriele Münter mit Malutensilien in Kallmütz 1903

Gabriele Münter mit Malutensilien in Kallmünz, 1903 (Fotograf unbekannt).

Gabriele Münter – Die Frau, die seinen Nachlass rettete

Sie ist 25, er 36, als sie 1902 in seinen Malkurs kommt. Münter ist keine Schülerin auf der Durchreise. Sie ist eine ernsthafte weibliche Künstlerin in einer Zeit, in der staatliche Kunstakademien Frauen noch weitgehend verschlossen sind.

Die Beziehung entwickelt sich schnell. Bis 1911 ist Kandinsky noch mit Anna Tschemjakina verheiratet, danach hält er Münter Jahre lang mit Heiratsversprechen hin. 

Haus von Münter und Kandinsky in Murnau

Das Münter-Haus in Murnau war von 1909–1914 der gemeinsame Rückzugsort von Münter und Kandinsky.

Ab 1908 verbringen sie ihre Sommer gemeinsam in Murnau am Staffelsee. Münter kauft dort ein Haus, das sogenannte „Russenhaus“, wie die Dorfbewohner es nennen. Sie richten es gemeinsam ein, gestalten Möbel und Treppe selbst.

In Murnau passiert etwas Entscheidendes. Münter findet zu einer kraftvollen neuen Bildsprache mit leuchtenden Farben, und Kandinsky vollzieht den Schritt zur Abstraktion. Diese beiden Entwicklungen laufen parallel, sie bedingen sich gegenseitig.

Murnau eine Dorfstraße

Wassily Kandinsky – Murnau, eine Dorfstraße, 1908.

Als der Erste Weltkrieg ausbricht und er Deutschland verlassen muss, flüchten sie zunächst gemeinsam in die Schweiz. Dann bricht er nach Moskau auf. 1916 sehen sie sich ein letztes Mal, in Stockholm. Ein Jahr später heiratet er Nina Andreevskaya – eine junge Russin, 27 Jahre jünger als er. Münter erfährt es aus dritter Hand.

Nina Kandiksky 1927

Portrait der Nina Kandinsky von Hugo Erfurth, 1927.

Sie trägt die Trennung schwer, schützt aber seinen in Murnau verbliebenen Nachlass konsequent und versteckt die Werke vor den Nationalsozialisten bis nach dem Krieg. 1957, zu ihrem 80. Geburtstag, schenkt sie dem Lenbachhaus München über tausend Werke. Darunter Gemälde, Aquarelle und Grafiken von Kandinsky, eigene Arbeiten und Werke befreundeter Künstler.

Das Lenbachhaus besitzt damit heute die weltweit größte Sammlung des Blauen Reiters. Münter selbst wird erst in den 1950er-Jahren als eigenständige Malerin wiederentdeckt. Sie stirbt 1962 in Murnau, im selben Haus, das sie einst gemeinsam eingerichtet hatten.

Was Kandinsky hörte, wenn er sein Werke erschuf

Synästhesie ist für Kandinsky eine neurologische Realität. Er hört Farben. Genauer gesagt, er erlebt beim Wahrnehmen von Farben akustische Empfindungen und umgekehrt.

Wassily Kandinsky Komposition Nr.4

Wassili Kandinsky – Komposition Nr. 4, 1911 – Kunstsammlung Nordrhein-Westfallen, Düsseldorf.

Als er 1896 eine Aufführung von Wagners Lohengrin erlebt, sieht er Farben vor seinem inneren Auge. Das bestätigt, was er schon ahnte. In seinem 1911 erschienenen Traktat Über das Geistige in der Kunst legt er das System aus:

FarbeKlang/InstrumentCharakter
GelbTrompeteScharf, stechend, aggressiv
BlauOrgel / CelloSief, spirituell, nach innen gerichtet
Rot

Violine

Warm, bestimmt, selbstsicher

Schwarz

Schweigen nach dem Klang

Abschluss, Endgültigkeit

Weiß

Stille vor dem Klang

Unendlich, rein

„Farbe ist eine Tastatur, die Augen sind die Hämmer, die Seele ist das Klavier mit den vielen Saiten“, schreibt er. Das ist keine Poesie zur Verzierung – das ist sein methodisches Fundament.

Über das Geistige in der Kunst erscheint im Dezember 1911 und wird innerhalb weniger Monate dreimal aufgelegt. Es ist das theoretische Manifest der abstrakten Malerei, bevor es abstrakte Malerei als etabliertes Konzept gibt.

Der Blaue Reiter und die drei Kategorien seiner Kunst

Ende 1911 gründet Kandinsky zusammen mit Franz Marc die Künstlervereinigung Der Blaue Reiter, nach einer Meinungsverschiedenheit mit Der Neuen Künstlervereinigung München, der er zuvor angehört hatte.

Der Name kommt nicht von einem programmatischen Manifest, sondern weil beide Gründer Blau mochten, Marc Pferde und Kandinsky Reiter. 

Franz Marc Die blauen Fohlen

Franz Marc – Die blauen Fohlen, 1913, Sammlung Kunsthalle Emden.

Der Blaue Reiter eint keine gemeinsame Stilrichtung, sondern eine gemeinsame Haltung. Kunst soll innere Notwendigkeit ausdrücken, nicht äußere Wirklichkeit abbilden. Zur Gruppe gehören unter anderem Paul Klee, August Macke, Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin – und ja, auch Gabriele Münter.

Parallel entwickelt Kandinsky sein eigenes Werkklassifikationssystem. Er unterteilt seine Bilder in drei Kategorien:

  • Impressionen – direkte Eindrücke der äußeren Natur, noch mit gegenständlichen Anklängen
  • Improvisationen – spontane, meist unbewusste Ausdrücke innerer Erlebnisse
  • Kompositionen – langsam gereifte, hochgradig kalkulierte Hauptwerke; die höchste Kategorie

Diese Unterscheidung ist nicht akademisch. Sie erklärt, warum seine Gemälde so unterschiedlich wirken können. Scheinbar spontan und chaotisch auf der einen Seite, geometrisch und kontrolliert auf der anderen.

Wie beständig sich Wassily Kandinskys Werk gewandelt hat

Kandinsky durchläuft innerhalb von vier Jahrzehnten Stilphasen, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Ein grober Zeitstrahl macht deutlich, wie konsequent und mutig diese Entwicklung war:

Epoche

Zeitraum

Merkmale

Schlüsselwerke

 

Jugendstil / Symbolismus

~1900–1907

Märchenhafte Motive, dekorative Linien, noch gegenständlich. Farbe als Stimmungsmittel

Das bunte Leben (1907), Der blaue Reiter (1903)

Expressionismus / Durchbruch

~1908–1914

Farben lauter, Formen lockerer. Die Murnau-Jahre als entscheidende Zäsur

Improvisation 28 (1912), Komposition VII (1913)

Russische Phase / Konstruktivismus

~1914–1921

Rückkehr nach Moskau. Geometrie tritt in den Vordergrund

Weißes Zentrum (1921), Rotes Oval (1920)

Bauhaus Phase

~1922–1933

Kreise, Dreiecke, Quadrate. Analytisch, kühl, architektonisch

Komposition VIII (1923)

Biomorphe Spätphase

~1934–1944

Organische, fast verspielte Formen. Einfluss von Miró, Arp und dem Surrealismus

Komposition X (1939)

War Kandinsky wirklich der erste abstrakte Künstler?

Es ist eine der hartnäckigsten Debatten der Kunstgeschichte. Kandinsky beansprucht, mit seinem Ersten abstrakten Aquarell von 1910 das erste rein abstrakte Bild der Geschichte geschaffen zu haben. Das Datum ist bis heute umstritten. Manche Forscher datieren das Werk auf 1913.

Das erste abstrakte Aquarell von Kandinsky

Wassily Kandinsky – Ohne Titel, 1910 (1913) – Das erste abstrakte Aquarell, Musée National d’Art Moderne, Centre Pompidou, Paris.

Gleichzeitig malte die schwedische Künstlerin Hilma af Klint bereits ab 1906 abstrakte Werke und damit mehrere Jahre früher. Ihre großformatige Serie The Paintings for the Temple entstand zwischen 1906 und 1915. Af Klint verfügte testamentarisch, dass die Werke erst 20 Jahre nach ihrem Tod gezeigt werden sollten, sie starb 1944. Erst im späten 20. Jahrhundert wurden sie der Öffentlichkeit bekannt.

Hilma af Klint Primordial Chaos No 16

Hilma af Klint – Gruppe I, Urchaos, Nr. 16 (WU/Rosen-Serie), 1906. Auftakt ihres Zyklus Die Gemälde für den Tempel.

Die Frage, wer „zuerst“ war, ist letztlich wenig produktiv. Kandinsky hatte das bessere Netzwerk, das lautere Manifest und die stärkere institutionelle Präsenz. Af Klint hatte die früheren Daten und eine ebenso konsequente Bildsprache und war eine Frau in einer Welt, die das systematisch ignorierte. Heute werden beide in großen Retrospektiven nebeneinandergestellt, zuletzt 2024 in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf.

Kreise, Dreiecke, Quadrate – Kandinsky und die Bauhaus Phase

1922 kommt Kandinsky auf Einladung von Walter Gropius ans Bauhaus nach Weimar, als bereits etablierter Künstler mit internationalem Ruf. Er unterrichtet die Grundlehre Farbe, das Analytische Zeichnen und leitet die Werkstatt für Wandmalerei.

Sein Ansatz ist neu. Statt mit Stil beginnen die Studierenden mit Wahrnehmung. Punkte, Linien und Flächen werden als emotionale und formale Grundelemente analysiert, bevor irgendjemand an einem Stuhl oder einer Fassade arbeitet.

Wassily Kandinsky Komposition 8

Wassily Kandinsky – Komposition VIII, 1923 — Das bekannteste Bauhaus Werk Kandinskys, Guggenheim Museum, New York.

1923 zieht das Bauhaus nach Dessau um, 1932 nach Berlin. Kandinsky folgt jeweils. In Dessau bewohnt er gemeinsam mit Paul Klee eines der Meisterhäuser.

Es ist ein Doppelhaus, das beide Familien trennt und verbindet. Die Freundschaft zwischen Kandinsky und Klee ist echt, die kollegialen Spannungen am Bauhaus sind es auch. Das Haus existiert heute als rekonstruiertes Museum in Dessau.

Meisterhaus Kandinsky Klee

Nach dem Weggang von Johannes Itten 1923 übernimmt Kandinsky die stellvertretende Direktion des Bauhauses. Eine Position, die er bis zur Schließung 1933 innehat. Zwischen 1925 und 1933 entstehen laut Nina Kandinsky 289 Aquarelle und 259 Gemälde. Rückblickend betrachtet seine produktivste Phase.

Gelb Rot Blau Wassily Kandinsky

Wassily Kandinsky – Gelb-Rot-Blau, 1925, Centre Pompidou, Paris.

Die Nationalsozialisten schließen das Bauhaus im April 1933. Im Dezember desselben Jahres verlässt Kandinsky mit Nina Deutschland. Für immer. Kurz zuvor ist sein letztes in Deutschland entstandenes Bild fertig. Es heißt Entwicklung in Braun, ein Titel, den er bewusst wählt.

Wassily Kandinsky Entwicklung in Braun

Wassily Kandinsky – Entwicklung in Braun, 1933. Centre Pompidou, Paris.

Der Wassily Chair und das Missverständnis dahinter

Marcel Breuer entwirft den Wassily Chair 1925/26 inspiriert von seinem Fahrrad in Dessau. Breuer ist fasziniert davon, wie leicht und stabil gebogenes Stahlrohr sein kann, und überträgt dieses Prinzip auf einen Sessel.

Das Ergebnis ist verchromtes Stahlrohr, Lederriemen als Sitzfläche, keinerlei Polsterung. Das ist ein formaler Schock für die Möbelwelt seiner Zeit, in der Holz und dicke Kissen dominieren.

Kandinsky sieht den fertigen Entwurf und ist begeistert. Breuer baut ihm ein Exemplar für seine Wohnung im Dessauer Meisterhaus.

Den Namen „Wassily“ bekommt der Stuhl erst in 1962, als der italienische Hersteller Gavina die Produktionsrechte erwirbt und ihn aus Marketinggründen nach Kandinsky benennt.

Heute produziert Knoll International den Stuhl in Lizenz. Kandinsky hat ihn weder entworfen noch in Auftrag gegeben. Er fand ihn schön und das reichte.

Wassily Chair Guggenheim Bilbao

Der Wassily Chair in einer Guggenheim-Ausstellung in Bilbao, 2021.

Krieg, Exil, Paris – Die letzten Jahre Wassily Kandinskys

Neuilly-sur-Seine, ein ruhiger Vorort von Paris. Die Kandinskys kommen im Dezember 1933 an und verlassen Frankreich nicht mehr. Kandinsky findet schnell Anschluss an die Pariser Avantgarde, trifft Miró, Mondrian, Léger, Hans Arp.

Die neue Umgebung verändert seine Bildsprache spürbar. Die geometrische Strenge der Bauhaus Jahre weicht organischen, fast verspielten Formen. Biomorphe Strukturen, Farben, die an Meereslebewesen oder Zellen erinnern.

Wassily Kandinsky Komposition IX

Wassily Kandinsky – Komposition IX, 1936. Centre Pompidou, Paris.

1937 konfiszieren die Nationalsozialisten 57 seiner Werke aus deutschen Museen und stellen sie auf der Ausstellung Entartete Kunst aus. Die Ausstellung zieht mehr Besucher an als jede reguläre Kunstausstellung der NS-Zeit. Eine Ironie, die sich die Verantwortlichen nicht hatten vorstellen können.

Wassily Kandinsky Himmelblau

Das mit Abstand bekannteste Werk, das die Pariser Spätphase und den Übergang zu biomorphen Formen perfekt verkörpert, ist Himmelblau (Bleu de ciel), 1940.

Die französische Staatsbürgerschaft erhält Kandinsky erst 1939, mit 73 Jahren. Den Zweiten Weltkrieg erlebt er in Paris unter deutscher Besatzung. Er malt weiter, täglich, bis kurz vor seinem Tod. Am 13. Dezember 1944 stirbt er in Neuilly-sur-Seine an einer Gehirnblutung, wenige Monate vor der Befreiung Frankreichs. Das Ende des Regimes, das sein Leben zweimal zerstört hatte, erlebt er nicht mehr.

Wassily Kandinsky Letztes Aquarell

Das letzte vollendete Werk von Wassily Kandinsky – Letztes Aquarell entstand im Sommer 1944.

Nina Kandinsky übernimmt seinen Nachlass und kämpft jahrzehntelang für die Anerkennung seines Werks. Sie stirbt 1980 unter tragischen Umständen, als Opfer eines Raubmordes. Beide sind auf dem Cimetière nouveau in Neuilly-sur-Seine beigesetzt.

Details, die in Kandinskys Biografie oft weggelassen werden

Jenseits der großen Manifeste und kunsthistorischen Meilensteine offenbaren diese weniger bekannten Facetten den Menschen hinter dem Pionier der Abstraktion.

  • Er sprach mehrere Sprachen. Darunter Russisch, Deutsch und Französisch fließend; dazu Kenntnisse des Englischen und weiterer Sprachen aus seinen Ethnologie-Studien.
  • Sein Sohn Wsewolod starb im Alter von drei Jahren in Moskau. Ein Trauma, das sein Werk der frühen 1920er-Jahre durchzieht, ohne dass er je öffentlich darüber sprach.
  • Er war überzeugter Theosoph. Die spirituelle Bewegung um Helena Blavatsky beeinflusste seine Vorstellung von Farbe als spiritueller Kraft erheblich. Über das Geistige in der Kunst ist ohne diesen Hintergrund schwer vollständig zu verstehen.
  • Er heiratete mit 51 Jahren Nina Andreevskaya, die damals 24 Jahre alt war. Sie blieb bis zu seinem Tod an seiner Seite.
  • Die Nazis zeigten seine Werke unfreiwillig der Welt. Die Ausstellung Entartete Kunst 1937 in München war als Anprangerung gedacht – und wurde zur meistbesuchten Ausstellung des Dritten Reichs mit über zwei Millionen Besuchern.
  • Er malte täglich bis zum Tod. Nina Kandinsky berichtet, dass er selbst in den letzten Kriegsjahren in Paris nie aufhörte zu arbeiten.
  • Das Google-Arts-Projekt Play a Kandinsky, entwickelt mit dem Centre Pompidou, übersetzt seine Gemälde mithilfe von KI in Klang. Es ist vermutlich das nächste, was wir je erleben werden, wie er Gelb-Rot-Blau gehört haben könnte.

Was am Ende bleibt

Moskau, 1895. Ein Gemälde, das sich nicht erklären lässt. Aus der Verwirrung entsteht ein Lebenswerk. Kandinsky interessierte sich nicht dafür, was ein Bild zeigt. Er interessierte sich dafür, was es in den Betrachter:innen auslöst.

Wassily Kandinsky Entwurf 3 zu Komposition VII

Wassily Kandinsky – Entwurf 3 zu Komposition VII, 1913.

Diese Verschiebung vom Abbilden zum Auslösen bildet das Fundament der abstrakten Kunst. Kandinsky beschrieb diesen Weg mit der größter Resonanz, lebte ihn konsequent und begründete ihn tief theoretisch.

Wassily Kandinsky Improvisation 28 zweite Fassung

Wassily Kandinsky – Improvisation 28 (zweite Fassung), 1912.

Dass sogar ein ikonischer Designklassiker heute seinen Namen trägt, zeigt die enorme Strahlkraft seines Erbes. Kandinsky prägt unsere visuelle Kultur bis heute, im Design, in der Lehre und in den Museen. Und sein vielschichtiges Werk aus Farbsystemen, Spiritualität und Biografie hält bis heute faszinierende Geheimnisse bereit, die es neu zu entdecken gilt.

Gut zu wissen...

Wann und wo wurde Wassily Kandinsky geboren?

Wassily Kandinsky wurde am 4. Dezember 1866 nach dem julianischen Kalender in Moskau geboren, was dem 16. Dezember 1866 nach dem gregorianischen Kalender entspricht. Er starb am 13. Dezember 1944 in Neuilly-sur-Seine bei Paris.

Er gilt als einer ihrer wichtigsten Wegbereiter, war aber nicht der einzige. Die schwedische Künstlerin Hilma af Klint malte nachweislich bereits ab 1906 abstrakte Werke. Kandinskys Bedeutung liegt weniger im Datum als in seiner theoretischen Begründung der Abstraktion, vor allem durch sein Werk Über das Geistige in der Kunst (1911).

Der Wassily Chair wurde 1925/26 von Marcel Breuer am Bauhaus entworfen, inspiriert von einem Fahrradrahmen. Kandinsky hat ihn weder entworfen noch in Auftrag gegeben. Den Namen erhielt der Stuhl erst 1962 vom italienischen Hersteller Gavina, der von Kandinskys Begeisterung für den Entwurf erfahren hatte.

Synästhesie beschreibt die Überlagerung von Sinneswahrnehmungen. Bei Kandinsky äußerte sie sich darin, dass er beim Wahrnehmen von Farben akustische Empfindungen erlebte. Gelb klang für ihn wie eine Trompete, Blau wie eine Orgel. Diese Erfahrung ist das Fundament seiner Farbtheorie.

Seine Hauptwerke befinden sich im Guggenheim Museum in New York (Komposition VIII, Improvisation 28), im Centre Pompidou in Paris (Gelb-Rot-Blau) und in der Tretjakow-Galerie in Moskau (Komposition VII). Die weltweit größte Sammlung des Blauen Reiters befindet sich im Lenbachhaus in München, gestiftet von Gabriele Münter.

Gabriele Münter war Malerin und ab 1902 Kandinskys Schülerin und Lebensgefährtin. Sie lebten über ein Jahrzehnt zusammen, vor allem in Murnau am Staffelsee. Nach der Trennung 1916 bewahrte sie seinen Nachlass vor den Nationalsozialisten. 1957 schenkte sie dem Lenbachhaus München über tausend Werke – eine der bedeutendsten Kunststiftungen Deutschlands.

Hinweis zu Affiliate Links: Alle vorgestellten Produkte werden von uns unabhängig kuratiert. Im Falle eines Kaufs nach Klick auf den Link erhalten wir eine kleine Provision.

© Photo Credits
Shutterstock – Wikimedia Commons: Luistxo, Panoramio – Pixabay: LoggaWiggler